Meine sieben wirksamsten Tipps...
- Selbstüberlistung: die Häppchen-Methode
- Machen Sie Stimmung
- Oft bringt’s nur die Ruhe
- Musik, der Par-excellence-Entkalker
- Der Rausch als Ja-Sager
- Aussen bewegen sorgt für Bewegung innen
- Tu Gutes und schreib drüber
1. Selbstüberlistung: die Häppchen-Methode
Oft klemmt’s beim Schreiben (bzw. Texten), weil zu viel auf dem Pult liegt. Dann passiert Ihnen vielleicht, was mir auch passiert: Ich erledige alles Mögliche, nur nicht das, was ich wirklich erledigen sollte. Nämlich den Auftrag. Ich habe mir daher angewöhnt, grosse oder abschreckende Jobs in verdaubare Häppchen zu zerlegen. Das heisst, ich sage mir: na, ich sortiere mal die Inhalte, sonst nichts. Dauer eine Stunde oder weniger lang, ist also überschaubar. Der Trick oder das Angenehme daran ist nun, habe ich einmal angefangen und den Bann gebrochen, komme ich in Stimmung und die Gedanken beginnen auf einmal zu fliessen. Oft, nicht immer.
2. Machen Sie Stimmung
Texten ist schwierig, finde ich, aber texten, wenn ich nicht texten möchte, das ist noch schwieriger bis unaushaltbar. Bin ich in Stimmung, erreiche ich in einer Stunde mehr als in einem Tag Nichtstimmung. Also muss es mir gelingen, Schreibstaus von vornherein zu vermeiden, indem ich mich schnell in Stimmung versetze. Ich habe gehört, es gibt Texter, die zu diesem Zwecke in Badehosen texten, die Füsse in warmem Wasser. Frederica de Cesco schwimmt jeden Morgen einen Kilometer in ihrem 20m-Becken und verschanzt sich dann für 8 Stunden in ihrem Schreibzimmer, bei zugezogenen Vorhängen. Ich selbst wärme mich gerne mit ein wenig Lektüre auf, das schmeisst meine Denkgeneratoren an und bringt mich in Textlaune. Manchmal aber geht Texten bei mir auch durch den Magen; ich schlage mir denselben voll, runde mit einem Espresso ab und inhaliere die Tabakfelder Virginias, bevor ich das Laptop anwerfe.
Patricia Highsmith: „Bin ich schliesslich zufrieden, weil ich alles, was möglich war brieflich oder telefonisch erledigt habe, dann stehe ich vom Schreibtisch auf und versuche mir einzureden, ich sei nicht ich, ich hätte keine Probleme, die letzte Stunde sei gar nicht gewesen – denn um arbeiten zu können, muss ich mich in einen Zustand von Unschuld und völliger Sorgenfreiheit versetzen. Wie schnell einem das gelingt, ist wohl ein Kriterium für den Grad an Versiertheit, den man erreicht hat. Die Fähigkeit wächst mit der Übung."
3. Oft bringt’s nur die Ruhe
Letzthin war ich in Prag, auf ein verlängertes Wochenende, zusammen mit Freunden. Ausspannen und Feiern war angesagt. Ich hatte es beinah geschafft, zuvor alle anstehenden Aufträge abzuschliessen, aber eben nur beinahe, deshalb ging das Laptop mit auf die Reise. Die anderen stürzten sich ins städtische Geschehen, ich mich auf die Aufträge. Aber ach, das Hotel lag an einer vielbefahrenen Strasse, keine Rede von konzentrierter Arbeit. So klappte ich den Notebook-Deckel zu und machte mich auf die Suche nach einem Bier. Dabei kam ich an einem Waffenladen vorbei und erblickte Pamirs in der Auslage, Hörschütze also. Die Kopfhörer-formigen. Flugs einen gekauft, zurück ins Hotelzimmer und losgetextet. Der Autolärm war weg und die erhoffte Ruhe da. Seither habe ich dazugelernt und habe stets Ohrenstöpsel bei mir, und, wenn’s weiter weg geht, den Hörschutz. Wenig inspiriert mich mehr und entstaut mir Schreibblockaden besser als die totale Ruhe, das Fipen meiner Nervenimpulse im Ohr, begleitet vom tiefen Rauschen des Bluts in meinen Adern. „Man muss aus der Stille kommen, um etwas Gedeihliches zu schaffen", meinte schon Kurt Tucholsky.
4. Musik, der Par-excellence-Entkalker
Ja, ich weiss, dieser Tip widerspricht dem letzten Tip, und zwar völlig. Dennoch kann er funktionieren. Texten heisst für mich, in einen gedanklichen Reinraum einzutreten, abgekoppelt von Alltagsproblemen- und bewusstseinsinhalten. Hat wohl was mit Meditieren gemein. Um diesen Zustand gedanklicher Reinheit zu erreichen, bewährt sich bei mir nicht nur totale Ruhe, sondern auch: Stauendes und Ablenkendes mit Musik wegzuschwemmen. Bin ich aggressiv, nehme ich Metal (zur homöopathischen Erstverschlimmerung), bin ich gelangweilt, Glenn Gould, muss ich Ideen machen (bzw. darf ich es tun), Jimy Hendrix. Wichtig ist aber immer: die Musik darf keine deutschen Texte enthalten. Das würde mich konfus machen. Musik zu hören vor oder beim Texten (allerdings nur, wenn ich die Musik schon kenne), das bewährt sich auch, wenn ich überhaupt keine Energie habe, mein Text aber energiegeladen daherkommen muss. Denn so überträgt sich die Wucht der Musik auf meine Texte und alle meinen, was für ein Kraftprotz ich bin - dabei habe ich die Energie geklaut. Danke, Musikerinnen und Musiker.
5. Der Rausch als Ja-Sager
Schreibstau heisst, dein Kopf sagt nein, obwohl er ja sagen sollte. Komme ich damit alleine nicht zurande, können gewisse Subtanzen durchaus helfen. Ich denke nicht, dass Drogen aus Nichttextern Texter machen. Aber Blockaden lösen helfen und den Gedankenfluss in neue Bahnen lenken, das können sie. Ich meine hiermit nicht die harten, bösen Sachen. Damit will ich nichts zu tun haben. Ich denke eher an ein Bierchen, an ein Glas Wein oder an einen milden Joint. Letzterer hat bei mir zur Folge, dass sich die Gedanken verflüssigen und neue Färbungen annehmen; es scheint zudem, als ob das Tetrahydrocannabinol den Gullydeckel zum Unterbewussten lüpft und das darunter Verborgene nach oben schwappt.
Peter Rüedi im Du: „Der Rausch ist der grosse Ja-Sager, die Nüchternheit der grosse Nein-Sager, der Kater die Differenz zwischen beiden". Und weiter: „Schauspieler und Schriftsteller sind auf Inspiration angewiesen, die Alkohol fördert. Alkohol erleichtert die Überwindung von Grundängsten: ein Buch zu beginnen, sich auf einer Bühne auszuliefern. Buch und Bühne sind einsame Orte: Alkohol erleichtert Isolation, aber auch den Zugang zu den Menschen."
Meist aber sind mir völlige Nüchtern- und Ausgeschlafenheit die besten Schreibvoraussetzungen, und meist ist der Schaffensrausch der beste Flash.
6. Aussen bewegen sorgt für Bewegung innen
Es soll Schweizer Texter geben, die kaufen sich alljährlich ein Generalabo, mit dem sie durchs ganze Land hin und her reisen können. Nur, damit sie bzw. ihre Gedanken in Fahrt kommen. Ist bei mir auch so, bin ich unterwegs, gehen meine Gedanken auf Reise. Ich bin aber nicht so gern unter fremden Leuten nud bevorzuge daher das Auto. Habe stets ein Büchlein und einen Kuli mit, wenn ich irgendwo hinfahre, denn beim eintönigen Dahingleiten tauchen aus dem Nichts die spannendsten Gedanken auf. Einfach Büchlein oder Blatt Papier aufs Steuerrad legen und losschreiben, geht ganz gut, mit ein wenig Übung. Eine Zeitlang habe ich’s mit einem Aufnahmegerät versucht, das ist praktischer und weniger lebensgefährlich. Aber die Protokolliererei war mir dann doch zu anstrengend. Gut geht’s übrigens auch beim Wandern. Ich habe mir mehrere Walkingrouten eingerichtet, die ich automatisch abspulen und mich so aufs Gedankenfabrizieren konzentrieren kann.
7. Tu Gutes und schreib drüber
„Scheisskunde, Scheissauftrag, Scheissjob". Das höre ich öfter, in Texterkreisen. Und ja, in meinem Kopf drin hab ich’s auch schon gehört. Glücklicherweise hatte ich einige andere Berufe, bevor ich Texter wurde, und die waren teilweise deutlich schlimmer als das Texten. Überkommt’s mich dann doch mal, beispielsweise, wenn ein Marketingmensch auf mir herumtrampelt, weil im Unternehmen auf ihm herumgetrampelt wurde, dann leg ich mir folgenden Gedanken zurecht – und pulverisiere damit den Schreibstau: Texten tue ich nicht für dieses unangenehme Gegenüber, sondern für die unschuldigen Menschen in dieser Firma, die allesamt Kumpels haben und Familie, denen ich Gutes tue, wenn meine Texte funktionieren und die Auftragsbücher sich füllen. Vor meinem geistigen Auge taucht dann eine Familienidylle auf, glückliche Familie zuhause vor dem Fernseher, alle am Herumtollen. Auch der Ernährer oder die Ernährerin, weil’s auf der Arbeit ja gut läuft. Weit hergeholt, finden Sie? Keineswegs. Darum geht’s nämlich letztlich beim Texten, finde ich.
Autor: Aurel Gergey